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Der Dodekaeder – Ein Rätsel aus der Römerzeit

Der Dodekaeder

Ein Rätsel aus der Römerzeit

München,12.11.2017 von Andrea Schütze

Wäre es nicht durch die Archäologie an mehreren Orten in England, Deutschland und Frankreich ergraben worden, man könnte es für ein futuristisches Design oder ein modernes Bauelement halten.

 

Römischer Dodekaeder

Römischer Dodekaeder – Ein rätselhaftes Gerät aus der Römerzeit Quelle: Museum Birmingham.

Die übersinnliche Deutung als Magnetfelderzeuger

Es ist daher nicht ganz verwunderlich, dass man den Gegenstand im Internet auch auf Seiten der übersinnlichen Fraktion finden kann, die darin ein Objekt zur Erzeugung eines Magnetfeldes wähnen, welches über fast magische Kräfte verfügen soll.
Selbst auf Youtube finden sich hierzu entsprechende Beiträge.
Doch wie und woraus sollte in dem hohlen Inneren ein magnetisches Kraftfeld erzeugt werden können?
Das Material ist Bronze und damit an sich nicht magnetisch. Von seiner Gestalt her hat es noch nicht einmal eine bündelnde Form, die man im Zusammenhang mit den Pyramiden als Erzeuger von Kraftfeldern immer anführt.
Also es ist somit sehr sicher kein geheimnisvoller Magnet – doch was dann?

Back to the roots – Was wissen wir wirklich?

Das hier gezeigte Objekt ist Teil der archäologischen Sammlung des Museums in Birmingham, aber – wie ich schon geschrieben habe – es gibt weitere Objekte dieser Art, es ist kein Einzelstück. Bei Wikipedia sind einige davon zu sehen.

Wenn man nicht weiterkommt, dann ist es oft ziemlich ratsam zunächst zu den ganz einfachen und meist auch gesicherten Dinge zurückzukehren und davon ausgehend neu zu beginnen.
Sehen wir uns daher zunächst einmal die Form an: Das Objekt ist ein Hohlkörper und besteht nur aus Oberflächen. Als Größe wird eine wohl äußere Höhe von 75 mm angegeben.

Pentagondodekaeder

Ein regelmäßiger Dodekaeder wie im vorliegenden Fall heißt auch Pentagondodekaeder Quelle: Wikipedia.

Bei einem Körper dieser Art handelt sich um einen sogenannten Dodekaeder, einen Zwölfflächler, also ein Objekt mit 12 Oberflächen. Diese sind bei einem Dodekaeder immer in der Form eines Pentagons, eines Fünfecks, gestaltet. Die Eckpunkte können in seinem Inneren zu einem Pentagramm verbunden werden.
An jeder Ecke, bzw an jeder Verbindungsecke, wo die Oberflächenpentagone zusammenstoßen, hat der Dodekaeder jeweils ein kleine Kugel, die wohl aufgelötet worden waren.
Im Zentrum eines jeden Pentagons befindet sich eine kreisrunde Öffnung. Bemerkenswert daran ist, dass eine jede einen anderen Durchmesser aufweist, also kein Kreis dem anderen gleicht.

Pentagondodekaeder

Im Inneren eines Pentagons lässt sich ein Pentagramm einzeichnen Quelle: Wikipedia.

Deutungen auf der Museumsseite

Dodekaederwürfel

Ein Dodekaeder als Würfel Quelle: Wikipedia.

Deutungen gibt es einige:
Auf der Homepage des Museums werden zwei Deutungen vorgeschlagen, nämlich einmal ein Kerzenständer für unterschiedliche Kerzengrößen und dann ein Würfel mit zwölf Seiten, der im Inneren mit Wachs verfüllt gewesen sein soll.

Ehrlich gesagt, kann mich keine dieser Deutungen wirklich überzeugen, denn in der Zeit um 100-300 n. Chr. in die der Dodekaeder datiert wird, hatte man auch noch Öllampen, die weit traditioneller waren. Und weshalb sollte man für so viele Kerzengrößen einen Kerzenleuchter benötigen? Kerzen ließen sich leicht ankleben oder zuschneiden, so dass es dieses Aufwandes nicht bedurft hätte.
Eine Verwendung als Würfel ist grundsätzlich denkbar, und es gibt sogar Würfel dieser Art (siehe Abbildung oben), so das eine Deutung dahingehend überzeugen könnte, wenn die Kugeln an den Ecken nicht wären, die jedes Würfeln massiv behindern würden (Auch bei Wikipedia kommt man aus demselben Grund zum Auschluss der Würfel-Theorie).

Die Verwendung als Bauelement

Eine Verwendung als Bauelement – wie es bei Wikipedia angedacht wird – käme nach modernen Gesichtspunkten in Betracht und erinnert einen auch an die eigene Kindheit und die technischen Baukästen, wo man mittels Lochplatten und entsprechender Elemente, wie etwa mittels Lochwürfel, kreativ hatte Dinge konstruieren können.
Ein Element, das für zwölf verschiedene Stangendurchmesser kompatibel wäre, erscheint somit aus moderner Sicht praktisch, aber macht nicht wirklich Sinn, weil beim Zusammentreffen gleicher Durchmesser wäre der Dodekaeder schon unbrauchbar geworden, da er ja unterschiedliche Lochgrößen aufweist.
Diese Deutung ist zwar praktisch, vermag mich aber dennoch nicht richtig zu überzeugen, wenn man sich die Fundorte ins Bewusstsein ruft: Solche Dodekaeder wurden auch in Gräbern gefunden. Wer lässt sich gern mit Bauelementen begraben? – Gut möglicherweise ein Mathe-Freak oder ein Baumeister oder Handwerker… Aber man fand diese rätselhaften Objekte auch in Frauengräbern und bekam eine Frau des Baumeisters Dodekaeder mit ins Grab? Vielleicht die mit dem Kosenamen Dodekaeder ;0) Ich finde das nicht wirklich überzeugend.

Eigene Überlegungen ohne tatsächliche Lösung dieses Rätsels

Gräber als erster Anhaltspunkt finde ich schon einmal sehr interessant, was wieder einmal zeigt wie wichtig Fundzusammenhänge sein können. Diese waren auf ursprünglich keltischem Siedlungsgebiet und auch Frauengräber weisen in den Grabbeigaben Dodekaeder auf.
Ohne hier eine Lösung bieten zu können oder zu wollen, würde ich daher die Verwendung zur astrologisch-astronomischen Messung, vielleicht auch Zeitmessung vermuten. Wir kommen hier zugleich aber auch in die Welt der Zahlenmystik und des Goldenen Schnitts, aber auch der Naturphilosophie.
Und auch wenn Frauen kein Handwerk ausüben durften und sie nicht so vertreten sind in ihrem historischen und archäologischen Befund: Frauen haben sich auf geistigen Gebieten betätigt und hervorgetan und waren in rituellen und mystischen Handlungen ganz selbstverständlich mitbeteiligt. Insbesondere die germanischen und keltischen Kulturkreise sprachen hier Frauen eine wichtige Rolle zu.
Eine Deutung in diese Richtung wäre daher durchaus frauenkompatibel.

Die Magie von Zahlen und Figuren

Der Dodekaeder in dieser Ausführung mit regelmäßigen Pentagonen wird auch als Platonischer Körper von höchster Symmetrie bezeichnet. Platon hat diese Figuren beschrieben und – mit Ausnahme des Dodekaeders – den vier Elementen zugeordnet.
Pythagoras hatte in der Astronomie das Sphärenmodell entwickelt, wonach alle Himmelskörper in Spären, wie in Schalen existieren, die auch eine sogenannte Sphärenmusik veranstalten, wenn sie sich bewegen.
Aristoteles hat diese Theorie weiter ausgebaut und den Dodekaeder zum Symbol des Äthers als fünftes Element erhoben. Äther meint den ewigen und körperlich nicht fassbaren Bereich hinter der Mondsphäre. Als Mondsphäre hat man im christlichen Weltbild die Sphäre der Engel bezeichnet. Was dahinter liegt, also der Äther, ist jener Bereich, in den die Seelen der Toten vordringen, nachdem sie geläutert worden waren. Der Äther gilt als ewig und allumfassend.
Wir sind damit bereits mitten in der Mystik, Theologie und Astrowissenschaft von Antike und Mittelalter angekommen.

Der Dodekaeder steckt voller geometischer Formen und Figuren.

Der Dodekaeder hat 12 Flächen. Das Jahr hat 12 Monate, die Stämme Israels und die Zahl der Apostel Jesu sind jeweils 12. Auch gibt es 12 Sternzeichen.

Dodekaederwürfel

Mosaik mit der Erde (Tellus) und den Jahreszeiten, Glyptothek München Quelle: Arachne.

 

Im Inneren eines Dodekaeders kann aus seinen Diagonalen ein Würfel eingebaut werden. Auch ein Würfel gilt als vollkommene Form im Sinn des Goldenen Schnitts. Der Würfel symbolisiert in seiner Vollkommenheit die Zahl 4.
Nach obiger Deutungsmöglichkeit umfasst die 12, des Dodekaeder als Äther die vier Elemente der Materie: Feuer, Wasser, Erde und Luft. Damit umfasst der Dodekaeder als das nicht Fassbare, die konkretisierbare Materie.
Die Vier steht aber auch für die vier Himmelsrichtungen Osten, Westen, Süden und Norden, was schon die Babylonier so sahen, die darin auch die vier Mondphasen erkannten.
In nördlichen Breiten gab es – anders als in den mediteranenen Zonen – auch vier Jahreszeiten, deren Bestimmug für die Landwirtschaft der Menschen wichtig, geradezu überlebenswichtig war.
Nach christlicher Deutung steht die Vier auch für die vier Evangelien des Neuen Testaments: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes.

Die Zahl 12 kommt durch Multiplikation von der 4 mit der 3 zustande.
Für die Astrowissenschaft spielten von den oben aufgezählten Vierergruppen drei Faktoren eine Rolle, nämlich: Der Mond in seinen vier Phasen wie er – je nach Jahreszeit und Monat – durch die zwölf Tierkreiszeichen wandert und damit wichtige Deutungen ermöglicht; die vier Jahreszeiten mit unterschiedlichem Sonnenstand und die vier Himmelsrichtungen in denen – nach den Jahreszeiten unterschieden – die Sternbilder (nicht nur die Sternzeichen) bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang stehen.
Beispielsweise zeigen die Plejaden – je nachdem ob sie bei Sonnenuntergang oder Sonnenaufgang erscheinen – an, ob es Zeit zur Saat oder Ernte ist.
Bis heute gilt bei Vollmond im Winter geschlagenes Nadelholz, sogenanntes Mondholz, als exzellentes Holz für den Instrumentenbau oder als besonders feuerfest und witterungsbeständig. Schließlich sei noch auf den bis heute sehr beliebten Mondkalender als Beispiel hingewiesen mit seinen Anweisungen was man je nach Mondstand und Mondphase im jeweiligen Tierkreis zu tun oder lieber zu lassen habe. Das ist altes Brauchtum, das heidnische Wurzeln besitzt.

Die Zahl Drei steht nicht nur in der Bibel und im Christentum, sondern in vielen Kulturen für das Göttliche: Die Dreieinigkeit Gott-Vater, Gott-Sohn und der Heilige Geist bei den Christen. Aber dort auch Gott, Jesus und Maria oder Jesus, Maria und Josef für die Heilige Familie. Aber auch die drei Schöpfungssphären sind eine Dreiheit: Gott schuf die Erde und dann teilte er in der Entstehung von Himmel und Erde die Wasser von den Wassern und nannte das eine Meer, das andere Himmel, also drei Schöpfungssphären, drei Lebensräume. Weitere wurden nicht mehr erschaffen.
Die Drei gilt aber auch in der philosophischen Argumentation als das Ideal aus These, Antithese und Synthese, die Vermeidung von Konflikt und Wiederherstellung von Harmonie durch Vereinigung bzw. harmonischer Verbindung beider antipodischer Elemente.

Das Äußere des Dodekaeders besteht aus verbundenen Pentagonen. Aus den Ecken eines Pentagons kann jeweils ein Pentagramm gebildet werden, das wiederum ein Objekt des Goldenen Schnitts und damit der Vollkommenheit und Harmonie darstellt.
Addiert man 5, 4 und 3, dann erhält man wiederum die Zahl 12.
Auch die Zahl 5 hat eine tiefere Bedeutung: Die Woche hat fünf Gottheiten, die über jeweils einen Tag wachen.
Das Pentagramm war kein böses Symbol, wie es heute in diversen Horrorfilmen verunglimpft wird, sondern das Gegenteil – ein apotropäisches, also unheilabwendendes Symbol gegen das Böse.
Das Pentagramm galt nicht nur als ein Zeichen der Vollkommenheit, sondern nach Ansicht der antiken Philosophen auch als Symbol der Urkräfte: Geist, Liebe, Kampf, Idee und Bewegung, wobei nach christlicher Deutung Gott alle diese Urkräfte in sich vereint wie das Dodekaeder.

Die Zahl Fünf, die man auch im Pentagon erblicken kann, steht einerseits für das Männliche und die Sexualität. Das Pentagramm, das gleichfalls die Fünf symbolisiert, ist hingegen das Symbol der Venus und steht für die weibliche Sexualität, so dass hier in dieser Darstellung eines Dodekaeders Mann und Frau vereint sind, jeweils als Pentagon und Pentagramm.

Das sind jetzt nur ein paar Gedankenspielereien, die mir spontan dazu eingefallen sind.
Sie zeigen, dass in diesen Objekten möglicherweise mehr zu suchen und zu finden ist, als man es ihnen auf den ersten Blick ansehen möchte. Daher würde ich darin weder Kerzenständer, noch Würfel, noch Bauelement und noch weniger obskuren Magnetfelderzeuger sehen, sondern eher dahingehend vermuten, es könnte einerseits eine Art Talisman gewesen sein, weil die Welt damals voll von Magie und entsprechender Talismane war, und weiter es zudem als mögliches Messinstrument bzw. mit Licht als ein Projektionsinstrument für astronomisch-astrologische Zwecke deuten.

Zum Weiterrätseln sei hier herzlichst eingeladen und vielleicht findet ja jemand die Lösung für dieses Rätsel.

Viel Spass beim Weiterknobeln!

Details zum Objekt:
Dodekaeder
Bronze, 100-300 n. Chr.,
H: 7,5 cm,
GB, Birmingham,
Birmingham Museum and Art Gallery, Inv.-Nr. 1967A1306.
Erworben von R T Clough.
Link zum Museumsstück…

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